Direkt zum Inhalt
UNESCO-Welterbe mit dem Titel "Historische Altstädte Stralsund und Wismar"

Wandeln im Welterbe

Foto: AK M-V

Text: Anne-Sophie Woll

Jeder von uns ist ein Erbe. Doch was bedeutet Erben und welchen Wert messen wir ihm bei?  Unter Erben verstehen wir die Weitergabe unter anderem von Objekten, Ideen oder Wissen und vor allem den Umgang mit selbigen. Wenn wir das Erbe annehmen, bedeutet es in erster Linie Arbeit im Sinne von Fürsorge und Verpflichtung. Gleichzeitig schaffen wir durch den Erhalt, den bewussten Umgang und die Weiterentwicklung des Vorhandenen das „Erbe von morgen“. Anders als man es auf den ersten Blick vermuten würde, ist Erben damit nicht statisch, sondern ein im Wandel begriffener Zustand. Erben ist weder abgeschlossen noch rückwärtsgewandt. Der aktive Umgang mit dem Erbe ist das Bewusstsein, dass es eine Vergangenheit geben muss, um die Gegenwart zu begreifen, dass wir eine Zukunftsvision haben sollten, um das Hier und Jetzt bewusst zu gestalten.

 

Alter Hafen Wismar | Foto: MArtin Möller
Detail Welterbehaus Wismar | Foto: Anne-Sophie Woll
Rathausfenster mit Wasserkunst Wismar | Foto: MArtin Möller

Der Wert des Welterbes
Innerhalb des Erbes, räumt man dem Welterbe einen besonderen Platz ein. Als Welterbe verstehen wir Teile des Kultur- oder Naturerbes von außergewöhnlicher Bedeutung und universellem Wert, die als Erbe der ganzen Menschheit verstanden werden und deshalb erhalten werden müssen. (1) Schon seit 1954 ist man sich bewusst, dass „jede Schädigung von Kulturgut, gleichgültig welchem Volke es gehört, eine Schädigung des kulturellen Erbes der ganzen Menschheit bedeutet, weil jedes Volk seinen Beitrag zur Kultur der Welt leistet“ (2) und dies gilt es zu verhindern. Zu diesem Zweck wurde 1972 das „Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt“ durch die UNESCO (3) verabschiedet. Es wurde bisher von über 190 Staaten ratifiziert und ist damit das international bedeutendste Instrument zum Schutz des Welterbes.
Mecklenburg-Vorpommern beherbergt neben dem Naturerbe  der alten Buchenwälder auf Rügen und an der Müritz seit 2002 das Weltkulturerbe der „Altstädte Stralsund und Wismar“, da sie ein repräsentatives und authentisches Beispiel für das kulturelle Erbe der Hansezeit sind.
Gerade Stralsund war neben Lübeck die bedeutendste Stadt des Ostseeraumes im 14. Jahrhundert.

 

(1) „Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt“

(2) „Haager Abkommen für den Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten, Abgeschlossen in Den Haag am 14. Mai 1954“

(3) UNESCO „United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization“ - Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur

 

Foto: Deckenbemalung im Welterbehaus Wismar

Foto: Anne-Sophie Woll

Welterbe am Wasser
Die Altstädte Stralsund und Wismar sind idealtypische Städte der Blütezeit der Hanse des 14. Jahrhunderts. Die nahezu unveränderten Stadtgrundrisse mit charakteristischer Parzellengliederung der einzelnen Quartiere, historischen Straßenverläufen und überragenden Solitärbauten sind Zeugnis einer Seehandelsstadt nach Lübischem Recht. Gerade in Wismar zeigt die nahezu lückenlose Straßenrandbebauung eine einzigartige Geschlossenheit.
Stralsunds Insellage zwischen Strelasund und den künstlich angelegten Teichen aus dem 13. Jahrhundert, sowie Wismars mittelalterliches Hafenbecken und die künstlich erstellte Grube, untermauern den Stadttypus der Seehandelsstadt.
Die sechs Backsteinkirchen bieten einen Überblick über die Sakralarchitektur der Backsteingotik und zeugen damit von der Verschmelzung unterschiedlicher kultureller Einflüsse, sowie vom Machtanspruch der Städte. Auch zahlreiche Klöster und Spitäler sind in einem sehr guten Erhaltungszustand.
Der Reichtum und die Bedeutung der Städte zeigen sich im gesamten Stadtbild in Form der umfangreichen Bausubstanz der Häuser, Straßen, Plätze und Höfe. Neben diesem Flächendenkmal, das gleichzeitig auch als Bodendenkmal eingetragen ist, stechen zahlreiche Einzeldenkmäler heraus, zu nennen sind hier die typischen Kaufmannshäuser, aber z.B. auch das Stralsunder Rathaus. Es ist eines der bedeutendsten Profanbauten der Backsteingotik und war Vorbild für viele Rathäuser im Ostseeraum.
Insgesamt dokumentiert die Profanarchitektur das Leben mehrerer Jahrhunderte, so auch die Zeit des 17. und 18. Jahrhunderts unter schwedischer Herrschaft, aus der die Barockbauten wie das Zeughaus in Wismar und das Regierungspalais in Stralsund stammen. Die Liste herausragender Bauwerke ließe sich lange fortführen. Erlebbar ist das Welterbe aber am besten bei einer Stadtführung und einem Abstecher in eines der Besucherzentren vor Ort.

Wirken im Welterbe
Die Altstädte Stralsund und Wismar fügen sich ein in eine Reihe von Stadtensembles, wie Quedlinburg und Bamberg, die als Ganzes zum Weltkulturerbe gekürt wurden. Das Nominierungsgebiet beider Hansestädte umfasst 168 Hektar, zuzüglich 448 Hektar Pufferzone und es schließt allein in Stralsund über 500 Einzeldenkmäler ein. Das räumliche Ausmaß des Welterbes deutet daraufhin, dass hier nicht das Wirken des Einzelnen, sondern die Arbeit einer Vielzahl von Akteuren im Mittelpunkt steht und das ist beispielhaft. Schon 1962 war es gelungen, die Altstadt Stralsund zum Flächendenkmal zu erklären, 1986 folgte Wismar. Damit bewahrte man die Stadtkerne vor der sonst zu DDR-Zeiten üblichen flächendeckenden Neubebauung, auch wenn eine Sanierung nur im Einzelfall möglich war. Erst mit der deutschen Wiedervereinigung begann die systematische Bestandsaufnahme, Sicherung und Sanierung, die insbesondere durch die Städtebauförderung sowie durch viele Privatpersonen, Firmen, Vereine, Verwaltungen und Stiftungen erfolgreich durchgeführt wurden. Ab Mitte der 1990er Jahre begann man, die getrennte Bewerbung auf den Welterbestatus vorzubereiten. Doch erst mit dem Zusammenschluss beider Städte und der Ausarbeitung umfangreicher Managementpläne sowie der Erarbeitung eines Monitorings zur Überwachung des Erhaltungszustands kam man zum Erfolg. Zwei Jahre nach der Einreichung des Antrags, gab es 2002 den positiven Entscheid, der als Anerkennung dessen gewertet werden darf was bisher geleistet worden war. Heute, rund 20 Jahre später, sind über 90 % der Gebäude beider Altstädte saniert, die Besucherzahlen haben sich verdoppelt und die Einwohnerzahlen sind deutlich gestiegen.

 

Welterbe als Wegweiser
Die Altstädte von Wismar und Stralsund sind von hoher städtebaulicher Qualität, die durch den Weltkulturerbestatus großen Aufwind erfahren haben. Die Nutzungsvielfalt, die Kleinteiligkeit, die Lage am Wasser, die historische Bausubtanz und das intakte und abwechslungsreiche Stadtbild haben ihren Anteil daran. Dieses vielschichtige Gefüge ist von Besuchern und Bewohnern gleichermaßen erlebbar. Man wandelt durch das Welterbe oder gestaltet es aktiv.
Gleichzeitig zeigt der Erfolg der Städte, was ganzheitliche Stadtplanung erreichen kann, die sich weder räumlich und zeitlich noch finanziell auf wenige Vorhaben beschränkt. Was Planung schafft, die gekennzeichnet ist von Prioritäten und Kontinuität sowie dem Ringen um die beste Lösung. Es ist der umfangreiche Austausch aller Akteure, der dem Zweck dient, die Städte in ihrer Besonderheit zu erhalten und gleichzeitig mit neuem Leben zu erfüllen. Es sind das Bewusstsein und Selbstbewusstsein der Mitwirkenden, die sich in der Außenwahrnehmung und letztlich in der Wirtschaft positiv widerspiegeln. Für Mecklenburg-Vorpommern ist es ein Modell, das nicht nur die Zusammenarbeit zweier Städte fördert, sondern beide Landesteile zukunftsträchtig miteinander verbindet. Für jeden Einzelnen ist dieses Welterbe die Einladung, aktiv die Umwelt zu prägen, sich räumlich und intellektuell einzuordnen und damit vielleicht ein Teil von ihm zu werden.


>> zurück zur Startseite

Kontakt

Wenn Sie Wünsche, Ideen und Anregungen zum Thema Baukultur in Mecklenburg-Vorpommern haben, nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf.

Anrede
Ich erkläre meine Einwilligung zur Erhebung, Verarbeitung oder Nutzung meiner personenbezogenen Daten gemäß der Datenschutzerklärung. *

* Pflichtfelder.